Guide
EU AI Act verstehen und umsetzen
Der EU AI Act ist die erste umfassende KI-Regulierung weltweit, und 2026 haben sich zentrale Fristen verschoben. Für viele im Mittelstand ist die Lage dadurch unübersichtlich geworden. Dieser Guide ordnet, was bereits gilt, was auf 2027 und 2028 vertagt wurde und welche Schritte jetzt sinnvoll sind, ohne Panik und ohne Abwarten.
ca. 4 Min. Lesezeit
In Kürze
Der EU AI Act arbeitet risikobasiert. Die strengen Pflichten treffen klar umrissene Hochrisiko-Anwendungen, nicht jede KI-Nutzung.
Was jeden betrifft, der KI nutzt: die Pflicht zur KI-Kompetenz im Team, in Kraft seit 2025, und die Kennzeichnung von KI-Inhalten.
Der Digital Omnibus hat die Hochrisiko-Pflichten verschoben, auf den 2. Dezember 2027 und den 2. August 2028.
Die zusätzliche Zeit ist Vorbereitungszeit. Die inhaltlichen Anforderungen bleiben, nur der Zeitplan rückt.
Inhalt
Was der EU AI Act regelt
Der EU AI Act setzt am Einsatz an. Er fragt, wofür ein KI-System genutzt wird, und knüpft daran die Pflichten. Je höher das Risiko für Menschen und Grundrechte, desto strenger die Anforderungen. Für ein Unternehmen heißt das: Der gleiche Chatbot kann harmlos oder streng reguliert sein, je nachdem, ob er Rezepte vorschlägt oder über Kredite entscheidet.
Diese Logik ist die wichtigste Erkenntnis für den Mittelstand. Die meisten alltäglichen Anwendungen, ein interner Wissensassistent, eine Textzusammenfassung, eine Angebotsrecherche, fallen in niedrige Risikostufen mit wenigen Pflichten.
Die vier Risikostufen
- Verbotene Praktiken
- Ein kleiner Kreis von Anwendungen ist untersagt, etwa Social Scoring oder manipulative Systeme. Diese Regeln gelten bereits.
- Hochrisiko
- Klar benannte Felder wie Personalauswahl, Kreditwürdigkeit, kritische Infrastruktur oder Bildung. Hier greifen die strengen Pflichten: Dokumentation, Risikomanagement, menschliche Aufsicht.
- Begrenztes Risiko
- Vor allem Transparenz. Wer mit einem KI-System interagiert, muss das erkennen können, und KI-generierte Inhalte werden gekennzeichnet.
- Minimales Risiko
- Der Großteil der Anwendungen. Kaum Pflichten über die allgemeine KI-Kompetenz hinaus.
Was bereits gilt
Zwei Dinge betreffen jeden, der KI im Unternehmen nutzt, unabhängig von der Risikostufe.
- KI-Kompetenz im Team
- Seit 2025 verlangt der EU AI Act, dass Beschäftigte, die mit KI arbeiten, ein angemessenes Verständnis dafür haben, KI sinnvoll und verantwortungsvoll einzusetzen. Eine formale Zertifizierung verlangt der Act dafür nicht. Für den Mittelstand ist das der greifbarste Punkt, und er zahlt sich ohnehin aus.
- Transparenz
- Wer einen Chatbot oder Voice-Agenten betreibt, muss Nutzer erkennen lassen, dass sie mit einer KI sprechen. KI-generierte Inhalte und Deepfakes werden gekennzeichnet.
Was der Digital Omnibus verschoben hat
2026 hat die EU mit dem sogenannten Digital Omnibus zentrale Fristen für Hochrisiko-Systeme nach hinten verschoben. Die Pflichten für eigenständige Hochrisiko-Systeme rücken vom ursprünglichen August 2026 auf den 2. Dezember 2027. Für KI, die in regulierte Produkte eingebettet ist, etwa in Maschinen oder Medizinprodukte, gilt der 2. August 2028.
Ein verbreitetes Missverständnis sollte man hier vermeiden. Die Verschiebung betrifft den Zeitplan, nicht den Inhalt. Die Anforderungen an Hochrisiko-Systeme bleiben unverändert bestehen. Wer ein solches System plant, gewinnt Zeit für eine saubere Vorbereitung, kein Argument, das Thema erneut zu vertagen.
Bin ich betroffen?
Für die meisten Mittelständler lautet die Antwort: von den strengen Hochrisiko-Pflichten eher nicht, von der KI-Kompetenz und der Transparenz sehr wohl. Ein einfacher Weg zur Einordnung:
- Hochrisiko-Feld?
- Nutzt Ihr System eines der benannten Hochrisiko-Felder, etwa die Auswahl von Bewerbern, die Bewertung der Kreditwürdigkeit oder die Steuerung kritischer Infrastruktur? Dann greifen die strengen Pflichten, mit der verschobenen Frist.
- Sichtbare KI?
- Interagieren Menschen sichtbar mit der KI, oder erzeugt sie Inhalte? Dann greift die Transparenzpflicht.
- KI im Team?
- Arbeiten Mitarbeiter mit KI? Dann greift die Kompetenzpflicht.
Wer ein System bewusst als nicht hochriskant einstuft, sollte diese Einschätzung begründen und festhalten können. Diese Nachweispflicht bleibt bestehen.
Die ersten Schritte
Unabhängig von der Frist lohnt sich jetzt ein geordneter Start.
- KI-Inventur
- Verschaffen Sie sich einen Überblick, wo im Unternehmen bereits KI genutzt wird, auch die inoffizielle.
- Rollen und Verantwortung
- Klären Sie, wer für KI im Haus zuständig ist.
- Datenklassifizierung
- Legen Sie fest, welche Daten ein System sehen darf und welche außen vor bleiben.
- Dokumentation
- Halten Sie fest, welche Systeme wofür genutzt werden und wie sie eingestuft sind.
- KI-Kompetenz
- Bauen Sie das Verständnis im Team auf, die eine Pflicht, die schon heute gilt.
Häufige Missverständnisse
- Verschiebung gleich Entwarnung
- Der Zeitplan rückt, die Anforderungen bleiben. Und die Kompetenz- und Transparenzpflichten gelten ohnehin heute.
- Jede KI ist hochriskant
- Der Großteil der Anwendungen im Mittelstand fällt in niedrige Stufen mit wenigen Pflichten.
- Das betrifft nur Großkonzerne
- Die KI-Kompetenzpflicht gilt für jedes Unternehmen, das KI einsetzt.
So arbeitet Harbour
Wir machen aus der Regulierung einen geordneten Rahmen, in dem KI verantwortbar genutzt wird. Gemeinsam mit einem spezialisierten Partner für Datenschutz und Sicherheit richten wir eine freigegebene Umgebung ein, mit klaren Rollen, einer Datenklassifizierung und der Dokumentation, die der EU AI Act verlangt. Und wir bauen die KI-Kompetenz im Team auf, damit die Nutzung erlaubt und zugleich gekonnt ist.
Anhang: Fristen auf einen Blick
- Verbotene Praktiken, KI-Kompetenz
- gelten seit 2025.
- Transparenzpflichten
- gelten seit August 2026.
- Hochrisiko, eigenständig (Anhang III)
- 2. Dezember 2027.
- Hochrisiko, eingebettet (Anhang I)
- 2. August 2028.
Selbstcheck
- KI-Überblick
- Wir wissen, wo im Unternehmen KI genutzt wird.
- Hochrisiko geklärt
- Es ist geklärt, ob eines unserer Systeme in ein Hochrisiko-Feld fällt.
- Transparenz
- Nutzer erkennen, wenn sie mit einer KI interagieren.
- Kompetenz
- Das Team hat ein angemessenes Verständnis von KI.
- Begründbar
- Wir können begründen, warum ein System als nicht hochriskant gilt.
Zur Datenlage
Grundlage ist der EU AI Act und der 2026 verhandelte Digital Omnibus, der die Hochrisiko-Fristen verschiebt. Die politische Einigung erfolgte im Mai 2026, die formale Veröffentlichung folgt. Bis dahin gelten die ursprünglichen Daten formal weiter, die sinnvolle Planungsgrundlage sind die verschobenen Fristen. Dieser Guide ersetzt keine Rechtsberatung.


